Essen als Ersatzreligion? Über einen exemplarischen Fall von Intoleranz auf Facebook

23:31

"Essen als Ersatzreligion?", fragt er mich skeptisch am Telefon, "ist nicht umsonst eine der sieben Todsünden. Und bedenke: Übers Essen kann man Kontrolle haben  Über Gedanken manchmal nicht. Aber Essen. Essen ist etwas, was man klar in Regeln definieren kann. Damit hat man Macht über andere. Und vor allem über sich selbst."

Ernährung, Kleidung, Essstil (Veggie, vegan ...) - selten habe ich das Suffix -nazi so oft als Beleidigung für Intoleranz innerhalb des digitalen Lebens gesehen wie bei Facebook.

Aber wer ist nun der Intolerante?

Der, der es wagt, innerhalb eines Regelsystems  wie eines sozialen Nwtzwerkes oder einer anderen geschlossenen Gruppe digitaler Art Widerworte, Meinungen oder Denkanstöße geben zu wollen?

Oder derjenige, der das Regelsystem - wenn nötig mit Ellenbogen - um jeden Preis erhalten und ehren möchte, weil ihm diese Regeln etwas bedeuten.

Ich finde:
Hier gibt es keine Nazis oder Intoleranz, maximal zwei Seiten, die die Sichtweise der Anderen nicht nachvollziehen und deshalb bei ihrem Standpunkt beharren, sodass sich die Situation mehr und mehr aufheizt.
Eine friedliche Koexistenz sieht leider anders aus. Und dass der Ton anderswo noch viel rauer sein soll, ist da auch nur ein schwacher Trost

"aus Neugier: Was ist die Intention hinter dieser Regel, die sich hier mit dem NichtPosten/Diskussion über andere lc Arten oder ähnliches befasst? Ich kann mir  darunter im Prinzip nichts anderes vorstellen als der psychologische "Trigger*". Wisst ihr sicher, was ich damit meine?

(*Erläuterung und Kommentar:
Dass man in anderen Gelüste oder unangenehme Gefühle durch bloße Erwähnung empfindet. Beispiel: Ein Bild von einem großen Schäferhund wird gepostet. Ein User wird daraufhin ausfallend haben, weil der User als Kind von einem solchen Hund gebissen wurde. Janus hingegen meint am Telefon, dass er sich das Triggermodell mit Bananen oder anderem Essen nicht vorstellen. Andere Leute, die sich Low Carb ernähren, müssen es doch täglich ertragen, dass alle Welt Massen an Kohlenhydrate  und Zucker ist. Er verstehe deren Problem nicht.)

Leider kommt es einigen in dieser Gruppe so vor, als wäre diese Umsetzung der Regeln sehr militant und daher nicht gut fürs Klima innerhalb der Gruppe.
Mehrfach fiel das Wort "Ernährungsnazis" und ich bedauere es, dass nun mehrfach nette Menschen freiwillig die eigentlich so praktische Gruppe verlassen, weil sie sich verarscht fühlen.
eigentlich geht es hier doch um low carb high fat und den Austausch von Tipps und nicht um "wer hat recht"?"

Dies schrieb ich auf die Seite einer Facebook low carb Gruppe.
Regeln sind etwas Schönes und es ist gut, dass wir uns aufgrund von gesellschaftlichen Konventionen nicht alle gegenseitig berauben und töten, weil wir eben an den Kategorischen Imperativ denken. Oder platt gesagt: Was du nicht willst, was ich dir tu, dass füg auch keinem Anderen zu.

Aber bei Facebook und anderen Social Media Plattformen scheint diese gesellschaftliche Übereinkunft in einem Meer aus Shitstorms zu ersticken.
Und das zeigen viele Beispiele, viele Shitstorms und Tendenzen im Internet, die einen doch immer nachdenklich machen.

Der oben zitierte Post wurde entfernt, mehrfach Neulinge und auch andere User angefeindet und immer wieder auf die strikte Befolgung der Regeln oder als Alternative das freiwillige Ausscheiden def Gruppe aufmerksam gemacht. Aber ist es dann noch ein freiwilliges Ausscheiden, wenn es heißt "Halt dich an die Regeln oder schweig oder verlass die Gruppe!"? Ist dies ein Hinweis? Eine Drohung? Ein Imperativ?
Und wie soll soll den Neuen nur helfen, die sich ggf. Mit der Materie noch nicht auskennen?

Und meine Frage nach der Intention der Regel, dass man nicht über Themen wie gute und schlechte Kohlenhydrate diskutieren darf?
Eben gelöscht und vertagt auf morgen.
Tja. Hab morgen keine Zeit. Da habe ich Geburtstag. Und ich finde es schade, dass diese Gruppe auf diese Weise erneut eindrucksvoll und zugleich erschreckend klar zeigt, dass einer Regeln macht, Admins diese ausführen und somit keinen Raum für Diskussionen gegeben ist. Jede Diskussion wird mit dem Anspruch, es sei regelkonform, im Keim erstickt.  Mich erschrickt das.

Es ist die eine Sache, einem trockenen Alkoholiker keinen alkoholfreien Hugo zu servieren oder einer ehemals Essgestörten die neusten Abnehmapps zu zeigen. Das triggert und sollte daher vermieden werden. Aber man darf in dieser Gruppe nicht schreiben "Ich esse manchmal Bananen" oder "Ich trinke manchmal Cola". Sobald man derartige Meinungen äußert, folgt ein Shitstorm einiger Regeltreuer, die dann mal freundlich, mal argwöhnisch diesen Regelbruch auskosten und sich lauthals beschweren. Es ist ein kleines bisschen wie auf dem Schütenfest, wenn der Tochter des Schützenkönigs die Bluse platzt und sich alle darüber das Maul zerreißen.

Gerade heute gab es von einigen Befürwortern strenger Forenregeln einen Sturm der Entrüstung, es mangele an Respekt vor Regeln und Admins und ein "ja, aber-" und Meinungen oder Äußerungen über Produkte, die nicht Low Carb sind, sind schlichtweg nicht gestattet.

Vielleicht bin ich da ein bisschen überempfindlich oder zart besaitet, aber mich erinnert das dann das Kapitel über die Kunst in Platons idealen Staat. Dem antiken Autor werfen einige vor, dass er durch strikte Verbote wie dem, dass Helden nicht weinerlich dargestellt werden dürften, dies Zensur sei und Platons Staat ein totalitärer.

Freiheitsliebend, wie ich bin, bin ich Anhängerin von der Staatslehre von Aristoteles. Statt sich auf diesen einen Idealstaat zu versteifen, unterteilt er in Alleinherrscher, herrschende Aristokratie und der Herrschaft des Volkes und beschreibt deren Vor- und Nachteile in verschiedenen staatlichen Situationen.

Einzig mögliche Lösung, die mir und den sich von anderen Usern gestörten Usern dieser Gruppe gut tut - diese oder andere Gruppen dieser Art verlassen und künftig einen großen Bogen um sie machen! Denn warum sollte ich mit solch schädlichen und wegen Kleinigkeiten und Haarspaltereien rumstressenden Menschen meine Zeit verplämpern?
Es wird sicher wieder eine neue Person kommen, über die sie sich aufregen können. Ich muss nicht daran teilhaben.
Eine solche Gruppe sollte im Idealfall der gegenseitigen Unterstützung dienen, aber wenn sich andere aufgrund der Frage "Darf ich eine Banane essen oder nicht?" gegenseitig die Schädeldecken einhauen, bin ich raus aus diesem Kindergarten, denn ich ziehr die Ernährungstipps meines Hautarztes dem Fremder mit wohlmöglich gefährlichen Halbwissen vor.

Ob nun Low Carb oder nicht: Was ist dieses Monstrum Internet, dass nette Menschen alle Grenzen vergessen lässt? Wie kann es dazu kommen, dass wir uns überhaupt digital all diese Dinge trauen, die wir in einem analogen Gruppenverband uns nie trauen würden?
Würde man moralisch handeln, wenn man unsichtbar wäre?
Und ist das Internet denn wirklich noch so anonym wie alle glauben?
Und was wäre, wenn man eben diese Facebooknutzer in analogen Leben mit ihren Aussagen konfrontieren würde, wenn keine digitale Distanz gegeben ist?

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