"Lieber heirate ich einen Burger als einen Mann!?" - Tja, dachte ich auch mal. Und jetzt habe ich geheiratet.

11:53
Sommer 2010. Damals heirateten einige meiner Freunde und ich fand es scheiße, ich schrieb darüber Blogeinträge, war anti und verkündete: "Ich heirate nie."

Und nun? 6 Jahre später bin ich verheiratet, sehe bei Facebook Diskussionen wie "Lieber heirate einen Burger als einen Mann", lese Kommentare wie "Heiraten gehört eh ins letzte Jahrhundert!!!!" und denke: Ach Leute, Leben und Leben lassen. Tolerant sein. Nicht alles geil finden, nur, weil Andere es geil finden. Polykreise zum Beispiel. Würde ich nie machen, weil für mich Sexualität Intimität und auch eine Art Exklusivität braucht - allein wegen den Geschlechtskrankheiten, von denen es in den alten Kreisen in Göttingen einige gab - nein, auch, weil es ein wenig fremd für mich ist als Vorstellung, mehrere Menschen gleichzeitig gleich viel Liebe zu schenken, was ja auch immer wieder bei Eltern mit ihren Kindern ein Problem ist, zu allen gleich viel Zugang zu finden (siehe Harry Potter 8). Nein, Polykreise stelle ich mir einfach anstrengend vor, weil du nicht nur einen Menschen als Liebsten hast, du hast gleich 2, 3 oder 4 - das muss doch sehr zeitaufwendig sein und in der Liebe will ich keine halben Sachen.
Kurz gesagt: Ich bleibe monogam und würde es auch nie versuchen - wer aus meinem Freundeskreis aber so lebt, darf so leben.

Ich weiß nicht, wann und wie es kam, aber ich glaube, ich habe meinen Feuereifer verloren und werde alt. Früher habe ich viel mehr auf meinen Idealen beruht, heute ist diese Streitlust einer Einstellung gewichen, die ich als allumfassende Toleranz, fast Gleichgültigkeit fassen würde. Was interessiert es mich, dass andere Menschen Fleisch essen? Ich kann ihnen erklären, warum ich vegan lebe, aber sie zu missionieren löst eher eine Abwehrhaltung aus. Also lieber einen ruhigen Dialog und vielleicht essen sie dann weniger Fleisch oder kaufen nur noch bio, wer weiß? Ich muss mich nicht immer verbal mit anderen kloppen.

Eine andere Sache, die ich nämlich festgestellt habe: Im Internet kann man nicht diskutieren. Diskussionen nur via Internet sind schlichtweg unmöglich in meinen Augen.
Warum?
Ganz einfach:
Man hat keinen Mitmenschen gegenüber, nur einen Bildschirm.
Wer da mit einem schreibt, ist einem völlig fremd. Man fühlt sich oder ist sogar anonym und traut sch mehr, radikaler und absoluter in seinen Meinungen zu sein.
Und man muss sich nicht mit dem Standpunkt des Gegenüber auseinandersetzen, man muss nicht einmal logische und nachvollziehbare Argumente verwenden. Man kann einfach blockieren oder sagen: "Kein Bock. Isso. Fertig."
Wie soll so eine vernünftige Diskussion entstehen?
Diskussion ist ja nicht, sich gegenseitig als Fotze zu beschimpfen, Diskussion heißt: Zwei oder mehrere haben einen Standpunkt aus ihrer Sicht der Dinge, denn sie haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Und es muss nicht einer gewinnen, nein, es geht um den Austausch und das Hinterfragen eigener und anderer Standpunkte.

Und warum ich damals nicht heiraten wollte?
Meine ersten beiden Beziehungen waren gelinde gesagt Mist.
Mein erster Freund hätte eine Therapie ganz dringend nötig, denn er war fast immer mittelschwer bis schwer depressiv, sperrte sich in seiner kleinen Computer- und Fernsehwelt ein und wenn etwas schief ging, hatten alle anderen Menschen schuld, mit Vorliebe das böse Graustück. Es war mehr eine Hassliebe. Selbst, als ich noch rosarot verliebt war, wusste ich: Unsere Liebe hat ein Ablaufdatum.
Als Fernbeziehung funktionierten wir fast am besten. Eigentlich. Aber eigentlich war es auch so, dass er mir nach 6 Stunden Zugfahrt zu ihm und viel Stress und Aufwand dann noch Vorwürfe machte, warum ich nach einer harten Uniwoche immer so platt war und weniger Lust hatte, mit ihm feiern zu gehen, wofür ich erstens kein Geld hatte und zweitens keinen Spaß dran, da ich immer die war, die fahren musste und eh nicht trank.

Meine zweite Beziehung nach einigen Datinggeschichten war noch schlimmer als gedacht, er und seine Hassliebe haben mich wirklich sehr im Negativen geprägt, ich war wirklich eine zeitlang nur ausgelaugt und fertig, weil dieser Mensch mich belog, betrog, mich eigentlich hasste für meine Kreativität und Lebensfreude und das ich eben ein Original bin und meine Persönlichkeit nach außen zeigte, andererseits brauchte er mich, eben eine Ersatzmutti, die ihm in den Arsch tritt und von finanzieller Hilfe war er auch nicht abgeneigt. Die Beziehung war heftig und kurz, endete mit einer Paartherapie, nachdem das mit seiner Verlobten im Ausland herauskam und letztendlich kann er es auch nicht ertragen, nur befreundet zu sein, da ich es gewagt habe, einen anderen Menschen als ihn zu lieben.

Nach dieser Geschichte 2014 war ich durch mit Beziehungen und allgemein vorsichtig mit Menschen. Ich hab mich total abgekapselt, von alles und jedem. Nur meine engsten Vertrauten habe ich auch wirklich vertraut, es war eine anstrengende Zeit, hatten doch meine ersten beiden Partner mich recht ausgenutzt und belogen. Ehrlich gesagt hatte ich wirklich alles andere im Kopf, meinen beruflichen Neuanfang und auch der Cut, Göttingen verlassen und hinter mir lassen, weil ich mich nicht mehr wertgeschätzt fühlte und die meisten Leute auch keine echten Freunde waren und einen Scheiß darauf gaben, wie es mir geht.

Und dann bin ich über die Liebe gestolpert, so mitten in den ganzen Selbstfindungskram. Er hat irgendwie eine Familie gesucht, er war vollkommen neu in dem Umfeld und wir haben uns gefunden. Anders kann man das nicht ausdrücken.

Okay ... ich habe grad geheiratet. Ich war auch mal so krass drauf und wollte nie heiraten. Aber das hatte damals seine Gründe. Und inzwischen hat sich das geändert. Aber hey: Jeder, wie er oder sie möchte.

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