Tierversuche, vegan leben und Scheinheiligkeit

Ein einfaches und unverfängliches Beispiel zu Beginn:

Ich mag Oliven.
Jona mag keine Oliven, davon ist er überzeugt.
Ich esse Oliven, weil ich meist den Geschmack mag und meine Haut davon auch super wird.

Trotzdem: Jona verbietet mir nicht, Oliven zu essen, nur, weil sie ihm nicht schmecken.

Ein zweites Beispiel:
Ich liebe Shopping - nicht so sehr das Einkaufen, sondern das Gehen in die Läden und schauen, was es momentan Schönes oder auch nicht so Schönes gibt. Ich kaufe mir tatsächlich in den meisten Fällen gar nichts, finde aber Inspiration oder ausgefallene Sachen, manchmal aber auch schöne Basics.
Jona mag Shoppen nicht. Er möchte nicht zu viel Kleidung besitzen und trägt etwas so lange, bis es abgetragen ist. Daher will er nur dann Shoppen gehen, wenn er konkret etwas braucht. Außerdem nervt ihn das Rumgerenne, die volle Stadt, das Passivrauchen, die engen Gänge und die fürchterliche Musik. Und er möchte sein Geld auch lieber für schöne Dinge ausgeben, die er mag: z. B. leckeres Essen oder tolle Erlebnisse wie einen Kurzurlaub. Und die Studiengebühren muss man auch irgendwo von zahlen.

Trotzdem: Jona verbietet mir und anderen nicht, Shoppen zu gehen - nur weil er das aus vielen Gründen nicht mag.

Das hat doch alles nichts mit Tierversuchen zu tun, werdet ihr jetzt sagen.
Ich sage: Ja und nein.

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Um Ethik zu verstehen und zu verstehen, wie man ethisch etwas bewegen kann, sollte man Folgendes immer im Hinterkopf haben:

  • Wir sind die Summe unserer Erfahrungen
  • Durch unsere eigenen Erfahrungen, bilden wir unsere (hinderlichen) Überzeugungen
  • während wir als Kind einfach Dinge glauben wie an Drachen oder den Osterhasen, beginnen wir spätestens im Alter von 8 bis 10 Jahren, diese Dinge kritisch zu hinterfragen - sei es nun Glaube, die Regeln unseres Elternhauses usw.
Viele Veganer oder Menschen, die offen versuchen, über Tierversuche zu informieren, die mit voller Passion Unterschriften sammeln oder brennende Reden halten, haben Folgendes nicht bedacht: 
  • Nur, weil ich die Sache toll finde, heißt das nicht, dass Andere das genauso nachvollziehen können oder meiner Meinung sind
  • Nur, weil mich ein Thema total bewegt, gilt das nicht für andere Menschen - denen kann das egal sein oder sogar ein wunder Punkt sein, weil sie das Ansprechen dieses Themas als persönlichen Angriff sehen
Ich sage es mal ganz frei von der Leber weg: Zwei Dinge gehen mir so richtig auf den Sack. Zum einem, dass viele Menschen, die Veganer nicht kennen oder dem Thema gegenüber nicht aufgeschlossen sind, sich allein von dem Satz "Ich lebe vegan." oder "Ich esse das nicht." angegriffen fühlen. Wenn jemand nicht vegan ist, ist das für mich kein Problem - wenn allerdings ich Beleidigungen zu hören bekomme, weil ich anders esse, ignoriere ich das, aber sagen wir es so: Dieser Mensch und ich werden meist keine Freunde, denn wie soll ich eine zwischenmenschliche Beziehung zu jemanden aufbauen, der mich nicht akzeptiert, wie ich bin? Das geht nicht nur so weit, dass es bei einem Mal bleibt bei Sprüchen wie "Du isst meinem Essen das Essen weg." Nein!  Ich höre auch bei manchen Menschen immer und immer wieder: "Du, ich glaube, der ganze Salat tut deinem Gehirn nicht gut - du bist ganz schön zurückgeblieben." Und dann wundern sich diese Menschen, warum man ihnen nicht antwortet oder eine Konversation mit ihnen vermeidet?
Die zweite Sache ist aber, dass viele Menschen davon ausgehen, dass es etwas bringt, wenn man passiv-aggressiv jemanden - mal freundlicher, mal unfreundlicher - dazu zwingen will: Ändere dein Leben, denn es entspricht nicht MEINEM WELTBILD! Das ist doch gelinde gesagt zum Kotzen! So funktioniert es nicht, andere Menschen zu überzeugen.

Wenn ich also auf menschen treffe, die Erklärungsbedarf haben, warum ich vegan lebe, sage ich nicht: "Das ist so toll wegen dem und dem und dem Grund." Nein, ich erzähle ihnen meine Geschichte, warum ich die Welt mit diesen Augen so sehe:
Als Kind wuchs ich auf dem Dorf auf, mitten zwischen Bauernhöfen - überall kleine Betriebe und Freunde mit Eltern als Bauern. Auch wir selbst hatten mal Enten, mal Hühner, einige Eltern von Freunden Puten oder Kanickel und dort, wo wir unsere Milch holten, gab es Schlachtfeste.
Ich fuhr also im Trecker mit, spielte auf Heuböden und melkte Kühe - und ich half beim Schlachten, schlachtete sogar selbst ein Huhn ab und an oder lernte bei den Pfadfindern beim Survival Training, wie man ein Kaninchen schlachtet und häutet. Das war für mich kein Problem, denn ich wusste: Nichts wird verschwendet.
Heute sieht meine Heimat anders aus - alle Bauernhöfe, restlos geschlossen. Es fanden sich keine Nachfolger, es rentierte sich nicht mehr. Nur der Milchbetrieb konnte sich gerade so retten durch einen Neubau mit mehreren hundert Kühen und einer modernen Melkmaschine.
Früher, da hast du als Kind eines Bauern allen Kühen oder Schweinen Namen gegeben. Und wenn Butterblume mal nicht mehr da war, war das auch nicht schlimm, sondern natürlich.
Ich habe eigentlich mit 13 Jahren, also mitten in meiner Rebellion der Jugend angefangen, vegetarisch zu essen - ich mochte Fleisch nie sonderlich. Es ist zäh und komisch von der Konsistenz und schmeckt seltsam, wenn man es nicht richtig würzt. Der strenge Geschmack von Wild oder Schaf war ekelig für mich, Klöße fand ich aber besonders ekelig - ich tat sie immer aus der Suppe raus und verschenkte sie, weil sie schmeckten wie nasses Zeitungspapier. vegetarisch wurde ich also hauptsächlich, weil ich Fleisch nicht lecker fand.
Mit der Zeit kamen viele andere Gründe hinzu: Aber mein Hauptgrund - mir fehlt die Menschlichkeit in der Landwirtschaft - es geht nicht mehr um das Wohl der Tiere, es geht nur noch um ökonomische Ziele und wenn weniger als 5 Prozent der Tiere verenden, dann sind das Kalkulierte Unkosten, dafür spart man ja, wenn man tausende Schweine oder Hühner auf engsten Raum hält. Die Kuh von heute heißt meist nicht mehr Butterblume, weil die Tochter des Bauern nicht einmal mit zum Stall fährt - der ist nicht mehr direkt auf dem Hof, sondern irgendwo ganz anonym, fernab der Ortschaften und das Innere sehen nur wenige, wollen es nicht sehen ... Ich akzeptiere allerdings, dass andere Menschen eine andere Geschichte haben als ich. Und nach dieser Geschichte beleidigt mich in 99% der Fälle keiner, weil sie verstehen, warum ich so denke, wie ich denke.
Zum einem klagst du einen Olivenhasser an: "Du musst das aber mögen!!!"
Außerdem verstehen sie, dass es schon eine traurige Geschichte ist, dass viele kleine Bauern Opfer der Lust auf günstige Agrarprodukte geworden sind.

So finde ich Menschen, die vielleicht nicht sofort Veganer werden, aber das Thema dadurch interessant finden, mit mir sympathisieren und zumindest in 50% der Fälle auch selbst etwas ändern. 
Ich komme nicht und sage:
DU MUSST SO UND SO LEBEN, denn ich halte mich nicht für moralisch überlegen, nur weil ich moralisch andere Prämissen im Leben setze.  
Nein, ich gehe auf eine Ebene - ich war mal ein Kind, wir alle waren Kinder. Und dort habe ich diese Erfahrung gemacht und das hat mich heute zu dem Menschen gemacht, der ich bin - ich nutze Storytelling, um die Menschen abzuholen auf eine Geschichte, die sie nachempfinden können. Jeder von uns hat doch rebelliert in der Jugend. Und jeder von uns kennt das traurige Gefühl, wenn der Dönerladen, der Kaugummiautomat, die Disco unserer ersten Party geschlossen wird und damit eine schöne Erinnerung ein wenig verloren zu gehen scheint.

Das ist meine Überzeugung: 
Statt aufzuklären und belehren zu wollen, arbeitet lieber mit Empathie. Das ist das stärkste Gefühl, das ich kenne - einfach, weil es dadurch so viel einfacher wird, mit anderen Menschen zu kommunizieren.
Erzählt also nichts von Mikroplastik in den Meeren oder davon "Du sorgst für Tierleid!" - nein, das wirkt wie ein Angriff, selbst, wenn es nett formuliert ist, bleibt es eine Anklage unter dem scheinheiligen Deckmantel: "Ich will dich nur informieren!" Informieren über Google kann sich jeder, das können sogar Grundschüler. 
Erzählt lieber eine Geschichte über ein Tier, dass leiden muss, weil Mikroplastik die Gewässer verschmutzt oder ein Naturschutzgebiet, dass sich verändert hat - redet nicht über irgendetwas, dass ihr nur aus Büchern oder dem Internet kennt, sondern denkt darüber nach, warum euch persönlich das Thema gerade ein Anliegen ist - was verbindet euch mit diesem Thema. Habt ihr keine Verbindung? dann arbeitet ehrenamtlich, macht ein Praktikum. Das hilft auch gegen das Todschlagargument: "Warum hast du davon eine Ahnung? Was macht dich denn bitte zum Experten?"


1 Kommentar:

  1. ich finde es gut dass du nicht so hochnäsig bist

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