Wir müssen reden: Böhmermann gegen den Rest der YouTube-Welt

Guten Morgen, ihr Lieben!
Bereits auf Blumen im Nirgendwo habe ich mich damals als Roche & Böhmermann Fan geoutet.
Und auch das Nachfolgeformat NeoMagazin gucke ich gerne. Nicht nur, weil ich am liebsten hochwertige Schminktutorials mit William Cohn als Sprecher hätte.
Ich bin tatsächlich ein Nerd und kenne jede Folge.

Aber ich beginne so mit der Diskussion: 
In Sachen Fashionweek in Berlin hat LifewithMelina kürzlich DIESES Video gepostet, in dem sie äußert, dass sie als Youtuberin von den Medien/Veranstaltern ernst genommen werden möchte.


Ich bin total dafür, dass Youtuber von den Medien ernst genommen werden, viele andere klagen ja auch darüber.
Blöd nur, dass wenn dann Leute wie Jan Böhmermann, der Youtuber als kulturelles Medium im Jahre 2014/2015 ernst nimmt und deswegen mal mehr, mal weniger gut geglückt satirisch aufs Korn nimmt, deswegen halb zu Tode geshitstormt wird.
Was wollen Youtuber denn nun? Ernst genommen werden und dann auch sehen, dass es als Publizist des Web 2.0 eben nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten gibt und kritische Selbstreflektion und Vorbildfunktion gegenüber junger Zuschauer haben und eben nicht nur (das völlig legitime) Recht, Werbedeals abzuschließen, VJ bei Viva zu werden und so weiter. Gegen gekennzeichnetes Sponsoring oder lokrative Jobs durch Werbedeals habe ich nichts, sofern das auch nach außen ersichtich ist. Also ist es doch schön, wenn z. B. alive4fashion im vergangenen Jahr bei einem Ganier Werbespot mitspielen konnte und das sicher gegen Gage.
Oder man gibt sich zufrieden und bleibt auch seiner Youtube-Insel.

Aber diese Youtube-Insel von 2009, als nur eine kleine Community die Game oder Beauty Videos sah, gibt es eben nicht mehr. Youtube ist in den Wohnzimmern und auf den Smartphones der Nation angekommen.

Ein gutes Interview und Anlass für diesen Blogpost ist DIESES VIDEO mit Jan Böhmermann über Slimani, Mediakraft, Youtube und Kulturkritik.
Mag es auch für manchen manchmal etwas stumpf erscheinen, was Jan Böhmermann im Neomagazin erschienen und es berechtigt sein kann, etwas aus subjektiven Gründen doof, cool oder angebracht oder unangebracht zu finden - Böhmermann spricht für mich ein Thema an, dass viele Bemängeln, nämlich das fehlende Bewusstsein mancher web 2.0 Stars dafür, dass sie viele Menschen erreichen und beeinflussen können.

2010 hatte ich bereits mein zweites Diskussionsvideo zu dem Aspekt Vorbildfunktion / Einfluss der Schmink-YouTuber gemacht, da Jessica, ehemals Lidschattensammlerin und Simon/Mindi mich dazu ermutigt hatten. Damals war Youtube noch eine verhältnismäßig kleine Community und überschaubar. Ehrlich gesagt finde ich dieses 5 Jahre alte Video inzwischen ein bisschen peinlich, da ich das Thema relativ kurzsichtig behandelt habe. Es ging halt nur um die damalige Diskussion, wie man als Beautyyoutuber bei High End Produkten handeln solle, da es wirklich reichlich Teenager gab, die munter 1 zu 1 von ihrem zusammengekratzten Taschengeld zu MAC und Co liefen.



Das Ganze war also zu einer Zeit, in der eine große Abozahl schon bei 3000 bis 5000 Abos begann.

2012 schrieb ich aber auch aus der Seite der YouTuber und Blogger und beschrieb HIER, dass mir schon mancher Youtuber aufgrund von vielen, vielen Shitstorms leidtut, weil jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird.
Im Rahmen eines YouTube Sponsoring Kleinkriegs gab es auch mal diesen Blogpost, den ihr HIER lesen könnt. Aber eigentlich hat sich meine Meinung nicht geändert: Sponsoring und PR Samples sind okay, nur "gekaufte Meinungen" oder vorgeschriebene Skripte sollten gekennzeichnet werden. Aber wenn Blogger oder Youtuber mit ihrer Tätigkeit Geld verdienen können, finde ich das gut.
Im Grunde ist meine persönliche Meinung folgende:
Ich finde gut, was Jan Böhmermann macht.
Auch mit seiner Showrubrik "Prism is a dancer" zeigt er schon dem Durchschnittsinternetuser mit einem Augenzwinkern: Pass bloß auf, was du ins Internet stellst, denn das Internet vergisst nie.
Und dies gilt halt auch oder insbesondere für die kleinen und großen Blogger und YouTuber von 20 Abos bishin zum Youtubestar.
Und wenn dann immer wieder die Shitstorms der Fans eines Youtubers losgehen, denke ich mir:
Was soll das Böhmermann Bashing? Ich verstehe den Shitstorm nicht.
Blogger, Youtuber, selbst die Kommentatoren allerorts - alles sind Publizisten des Web 2.0 - und was ist falsch daran, Publizisten zu kritisieren?

Mir würde ein bisschen mehr Bewusstsein der Webuser gefallen. Meine Mutter hat mir erst heute von veganen Foren auf Facebook erzählt, in denen Hardcore Veganer zum "schlachten" und "abstechen" einer Person aufrufen, der Fleisch ist, weil man Tiere über den Menschen stellen sollte. Die Dinge und radikalen Meinungen jenseits von Gut und Böse findet man allerorts. Das Netz ist ein Ort der schamlosen Meinungsäußerung irgendwo zwischen Meinungsfreiheit und einer Perversion dessen. Wo man Drohungen und Rufmord in einem Satz mit freie Meinung in den Mund nimmt.
Insbesondere bei eben denen, die viele Mensche erreichen, sollten doch gerade Menschen wie Unge sich 3x überlegen, ob er sich nicht einfach nur rechtliche Schritte gegen Mediakraft einleitet, wenn diese die Vertragsbedingungen gebrochen haben und eben nicht an die Öffentlichkeit damit geht, wo er sich eben auch Kritik aussetzen muss. Die Slimanis müssen sich auch gefallen lassen, das inzwischen sogar die Printmedien teils kritisch über sie berichten. Und Dner sollte sich überlegen, ob er positive Meinungsäußerungen bezüglich der AfD nicht einfach löscht, wenn er nicht mehr der Meinung ist. Genauso wie LifewithMilena sehr, sehr herbe Kritik für das anfangs erwähnte Video bekam, weil es eben viele Zuschauer gibt, die finden, dass Youtuber nicht soooo hart arbeiten wie Krankenschwestern, Müllmänner, Bergleute, Sevicekräfte und Co.
Warum also nicht einfach mal etwas kritische Selbstreflexion und erkennen, dass man als Youtuber eine Vorbildfunktion hat? Und Satire versucht damit zu spielen und gleichzeitig zu kritisieren. Das hat nichts mit Hater oder Troll zu tun. Es ist eher ein trauriger Versuch seitens der Youtube-User, berechtigte Kritik zu denunzieren.

Und ja. Jede Kritik, jeder Bericht ist nur eine Meinung, ist subjektiv aus einer Sicht. Und Sichtweisen können parallel existieren. Es gibt nicht nur schwarz und weiß.

Warum darf ein Jan Böhmermann denn nicht einzelne Youtuber kritisieren, von denen manch einer eine größere Reichweite hat als manch ein deutscher B-Promi? Auch Nela Panghy Lee, die einst Taff mitmoderiert hat, hat bereits vor längerer Zeit Unmut über diverse Aktionen von Sami Slimani bei Twitter publiziert.

Wir leben im Jahre 2015 und das Internet ist kein Kinderkram mehr, es ist Teil unserer Kultur, Teil der Unterhaltungsbranche. In Zeiten, wo YouTube längst nicht mehr eine Plattform für Geeks aller Art ist, sondern jederzeit auf Tablet oder Fernseher als Ersatz für traditionelle Unterhaltungsmedien verfügbar ist, sollten auch wir User anfangen, Kritik, in diesem Interview sogar eben reflektierte Kritik, ernst zu nehmen. Jan Böhmermanns Meinung ist seine Meinung, eben nicht mehr und nicht weniger, aber ihn deswegen zu beschimpfen oder nicht für voll zunehmen oder gar als GEZKnecht zu bezeichnen, ist überzogen. Man kann Böhmermann unterstellen, zu provokativ in der Wortwahl zu sein, aber ein Hater macht das nicht aus ihm. Er macht Satire. Es ist sein Job, provokativ zu sein.

Aber manche sind der Meinung, er darf kritisieren, aber doch bitte keine einzelnen User bei YouTube. Das ist so, als würde man die Heuteshow von heute auf morgen doof finden, weil sie nicht nur Parteien, sondern eben einzelne Parteimitglieder und deren mal versehentlichen, mal beabsichtigten Verbaldurchfall auf satirische Art und Weise kritisiert.
Andere zu diffamieren ist allerdings ein gängiges Stilmittel der Satire, der Unterhaltungsshows sowieso. Mal auf höheren Niveau, mal eher trashig.
Harald Schmidt, Stefan Raab, Kalkofe und diverse Comedians - sehr viele, die uns zum Lachen und manchmal auch sogar zum Nachdenken und Gehirn einschalten anregen wollen, arbeiten damit, dass sie sich an der Peinlichkeit der Ölapalömaboys oder einer Maschendrahtzaun-Regina bereichern. Das kann man kacke finden oder auch gut, da gibt es kein richtig und falsch.
Aber mich würde interessieren, ob diese Böhmi-soll-keine-einzelnen-Youtuber-angreifen-die-sind-so-wehrlos-Aktivisten grundsätzlich diese Diffamierungen ethisch negativ bewerten.


Natürlich finde ich auch irgendwie, die Entwicklung des Journalismuses, der endlich mal Youtuber ernst nimmt, kommt auch zu spät und hätte bereits 2011 beginnen sollen, aber wie kannst man wissen, dass nicht Jan Böhmermann und/oder Leute aus seiner Redaktion nicht schon seit dieser Zeit Videos gucken und die Entwicklung mitverfolgt haben, aber damals eben noch kein Sendeformat und damit eine Plattform für diese Diskussionsebene haben?

Und ich verstehe auch nicht, wie man die Äußerungen von Jan Böhmermann in dem vorhin verlinken Interview als "äußerst authentische Beleidigungen" empfinden kannst. Neben Satire ist Böhmermann auch eine Privatperson und darf doch eine eigene Meinung haben in beiden Bereichen dieses Lebens, die sich vielleicht auch oftmals decken. Genau genommen verstehe ich auch nicht, was daran beleidigend sein soll, wenn er sachlich über Fehltritte einiger Youtuber als Beispiele spricht.

Er hat die Konfetti-Nummer mit Sami Slimani gemacht - vielleicht geschmacklos für Einige, aber keine Beleidigung oder gar Rassismus, wie unter einem Spiegel-Online-Bericht als erster Kommentar stand. Vielleicht schlecht gelungene Satire (je nach Meinung), genauso wie das viel kritisierte Katholizismus-Rapvideo von Karolin Kebekus eben sehr aneckte in der deutschen Gesellschaft.

Er redet im Interview über Unge. Kann sein, dass Mediakraft Vertragsbruch begangen hat, er aber ab dem Zeitpunkt, als er sein letztes Video drehte und sich an die Medien wandte, ebenso. Und das kann und darf man meiner Meinung nach auch kritisieren. Schließlich hätte er auch ganz privat zum Anwalt gehen und Mediakraft bei Vertragsbruch anzeigen können, selbst wenn ihm die Privatinsolvenz drohte.
Dner hat halt AfD Äußerungen gemacht und selbst, wenn diese 1 Jahr alt sind - das Internet vergisst nie und es ist nicht richtig, dass so im Internet stehen zu lassen, wenn es denn angeblich heute nicht mehr seine Meinung sei. Er erreicht viele Menschen mit seinen Äußerungen und das dürfen Medien kritisieren.

Satire oder gar Kulturkritik kann auch primitiv und geschmacklos sein, beispielsweise fand ich auch "Er ist wieder da" teils komplett daneben und zu heftig, aber ich kann deswegen nicht leugnen, dass es Satire ist.
Ich finde eigentlich nicht, dass Jan Böhmermann einfach nur versucht zu polarisieren, ich sehe das eher - zumindest als Teilthema - als Web 2.0 Kritik und das das Fernsehen als Medium in der heutigen Zeit eben auch seine Probleme hat und eine Verbindung beider Welten oder zumindest eine friedvolle Co-Existenz geschehen sollte. Und ihm aufgrunddessen, dass du seine Themenwahl nicht magst, ihm schlechte Recherche und Provokations- und Polarisierungsgeilheit zu unterstellen, finde ich danenben. Man redet als Youtubeuser und Kommentator da von ungelegten Eiern und weder ihr noch ich können wissen und in Erfahrung bringen, wie gut seine Sendung recherchiert ist. Wir können maximal sagen, dass du den Eindruck hast, dass es schlecht recherchiert ist, aber nicht eine Aussage machen, als wäre es Fakt, dass die NeoMagazin Redaktion schlecht recherchieren würde. (Den Unterschied verstehen manche User leider auch nicht.)

Sollten Youtuber unkritisiert davonkommen und sich deren Fans alles gefallen lassen?
Nein, sollten sie nicht. Ich bin froh, dass es auch YouTuber gibt, die uns sagen, dass wir uns unsere eigene Meinung bilden sollen und die äußerst selbstkritisch und umsichtig in ihren Videos sind. Vielleicht wäre es eine Idee, wenn Jan Böhmermann mehr positive Beispiele zu seinem "NeoMagazin Royal" einlädt.
Man kann aber eben auch nicht alle bei Youtube über einen Kamm scheren. Es liegt ein großer Unterschied zwischen den Stars und den Durchschnittsusern, die sich mit 100, 2000 oder meinetwegen auch 12 646 Abos zufriedengeben und gar nicht anstreben, als Youtube Sternchen über die Fashion Week zu schweben.

Meine größte Sorge ist jedoch diese: Ich fand es schon spätestens ab 2010 krass, wie unwirsch Zuschauer werden, wenn es um ihren Youtubeschatzi geht. Man darf Youtuber toll finden, ich bin auch "Fan" von einigen, aber das heißt nicht, dass ich alle verbal niedermähen muss, die anderer Meinung sind. Leben und leben lassen.

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