Briefe an Unbekannt. Kapitel 1: Die Melodie des Regens

1998. Das Zeitalter der Handys und der Dominanz des Internets bricht langsam an. Die Zeit dieser neumodischen Dinge wie Chatrooms, Emails und Kommunikations mit Smileys, aber ohne Punkt und Komma.
Zwei Mädchen liebten denselben Jungen.
Er belog beide. Eine von ihnen, Azulea, lebt in Hamburg, eine von ihnen, Sina, in Breslau. Sie haben die jeweils andere nie gesehen, aber schreiben sich täglich Emails.
Was für eine Beziehung herrscht zwischen den beiden? Sind sie Freunde? Oder Rivalen?
Und ist es wirklich eine gute Idee, seine tiefsten Geheimnisse via Email zu verschicken, gerade an eine Person, von der man noch nicht einmal so genau weiß, ob sie überhaupt existiert?


Hallo und willkommen, lieber Leser!

Vielen Dank, dass du es versuchst, hier eine Runde deepen Psychoshit zu lesen. Meine Inspiration ist vielfältig gewählt bei dieser Story. Aber sind es letztendlich nicht ohnehin immer, immer wieder die großen Themen Liebe, Verrat, Zerstreuung aller Art und fiese Intrigen, die uns bewegen?
Das wusste Shakespear ebenso wie die Macher von Lost, Hannibal, Gossip Girl oder Pretty Little Liars.
Aber ob es hier eine kathasis oder gar ein kitschiges Happy End wie bei Disney gibt?

Hab viel Spaß und hinterlasse dein Feedback. =)

<xxxxxxxx@aol.de> schrieb am 22:47 Uhr am 12. August 1998:

Liebe Sina,



Wie geht es dir? Ich hoffe doch, gut. Lange Zeit kam keine Email von dir und ich frage mich, warum. Vielleicht hat sich was in deinem Leben verändert? Ich war auch sehr beschäftigt. Neun Wochen ohne Computer. War nicht so schlimm wie es klingz weil es neun wunderschöne Wochen ohne einen Haufen Menschen war, die mich Tag für versuchen, langsam zu verletzen und zu zerstören. Am Ende blieb nicht mehr viel von mir übrig ...
Naja, ich habe meine erste Therapie hinter mir und bin zurück daheim. Es war nicht meine erste Therapie und wird wohl auch nicht meine letzte gewesen sein. Es ist nicht wegen DIESEM Scheißkerl. Es ist nur ... du weißt schon. Probleme mit mir selber, die schon ein wenig älter sind. und die muss ich lösen, um wieder am "normalen Leben" teilhaben zu können. Ich kann mich nicht selber aufopfern, um damit anderen ein schönes leben zu bereiten, nur weil in mir diese Gedanken stecken und immerzu schreien, dass ich nichts bin, nichts verdiene, nicht glücklich sein soll. Bislang habe ich nur für Andere gelebt und war nie für mich selber da. Ich habe dir ja bereits davon erzählt. Es ist schon ein echter Bockmist der in meinem kranken Kopf vor sich geht. Und niemand außer du kann das verstehen, weil wir uns diesselbe Geschichte teilen.

Leider ist es hier kalt und regnerisch. Nicht, was ich so von tollen Restsommerferien erwarte, nachdem ich die Schule beendet habe und bevor ich beginne zu arbeiten. Allerding bin ich gestern in die Stadt gegangen, inmitten eines erstes Herbststurmes, der sich anfühlte wie November. Ich habe mir mein erstes Handy gekauft. Es ist schon seltsam, dass Menschen jetzt überall erreichbar sind und nicht nur, wenn sie zuhause sind. Ist das eine gute Sache? Es hinterlässt bei mir den Eindruck von dem Zwand, zurückzurufen, selbst, wenn es mitten in der Nacht ist. Vielleicht bin ich einfach zu altmodisch für diesen ganzen Kram mit den neuen Medien? Ich bin sehr pessimistisch, was diesen ganzen Computerkram angeht, weil ich gerne sselbst handschriflich lange Briefe schreibe, aber jetzt, aber erst vor ein oder zwei Wochen, habe ich Emails zu schätzen und zu lieben gelernt.

Also bin ich nun zurück von der stationären Therapie und in einer depressiven Zurück-im-wahren-Leben-Stimmung. Aber das ist nur die Depression und keine echten Sorgen. Es ist nicht so schlimm wie sonst. Es ist nur so, dass ich mich schlecht fühle, aber eben weiß, dass es es aufgrund einer Krankheit ist. Wie eine Grippe halt. Bin ja krank und nicht genervt oder wirklich deprimiert mit irgendeinem konkreten Grund. Wegen dieser Krankheit brauch ich ja gar keinen Grund, um mich scheiße zu fühlen, aber die Welt da draußen macht es auch nicht unbedingt besser. Aber es gibt schon einen sehr großen Fortschritt bei mir. Ich weiß inzwischen, dass ich andere Menschen nicht ändern kann. Sondern nur mein eigenes Verhalten oder meine Gedanken anderen gegenüber.

Und nun weiß ich auch zum Glück wie ich mich selbst runterbekommen kann. Ich brauche keine Familie oder einen festen Freund, um zu wissen, dass ich schön, einzigartig und vielseitig talentiert bin.  Ich mag das Wort liebenswert nicht, weil es so klingt, als bräuchte man Menschen, die einem erst sagen "du bist etwas wert". Das braucht man doch echt nicht. Es ist nur eine Sache, dass man an sich selbst glauben muss und dann die Kraft dazu hat, seinen Weg zu gehen. Ich muss mich einfach nur selbermögn und sorgsam mit mir umgehen. Einfach Dinge tun, die ich gerne tun möchte und mir wunderschöne Momente schaffen. Mir selber zeigen, dass das Leben großartig ist. Unser Leben ist schließlich nicht nur dazu da, für andere da zu sein und sich für andere Menschen aufzuopfern, damit diese ihre Träume leben können.
Ich spiele die Hauptrolle in meinem Leben. Wer sonst?

In der Vergangeheit habe ich wirklich viele Fehler gemacht. Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe - auch, wenn ich das gar nicht wollte. Es war unfair von mir, zu denken, dass er meiner ist - wie so ein Hund oder als wäre er mein Eigentum. Es ist es nicht. Und auch kein Hund. Er ist mehr so ein faszinierender Werwolf. Er mag es, für sich allein zu sein und dafür zu sorgen, dass sich jeder in ihn verliebt.

Auch, wenn ich nicht die Zeit zurückdrehen kann und mir bewusst bin, dass ich ein gravierender Einschnitt in dein Leben war, hoffe ich, dass du mir vergeben kann, dass ich eine wichtige Rolle dabei gespielt habe, dich zu verletzen. Wir wurden beide verletzt. Und das vielleicht aus gutem Grund. Ein Lektion, die wir zu lernen hatten.

Vielleicht sind wir keine Freunde oder so etwas in der Art. Aber wir beschreiten denselben Weg, dasselbe Schicksal. Also sind wir Schickssalsgenossen, einzig und allein durch die hirnrissige Entscheiung durch diesen Idioten. Und wir lernten, dass wir die wichtigste Person in unserem Leben sind. Ich hoffe so sehr, dass dein Leben voller glücklicher Momente ist.
I denke, dass es mir weiterhin nur wehtut, hier zuhause zu bleiben. Nicht, weiles hier schlimm ist, nein, eher wegen der Vergangenheit ... ich kann die Erinnerungen daran einfach nicht ausschalten, wenn ich in diesen Räumen bin, die dieselben sind wie in den Erinnerungen, die ich zu vergessen versuche. Aber mein neues Zuhause wird ein besseres Zuhause. Ich brauche keinen Sonnenschein oder das süße Lächeln eines Typen oder was auch immer.
Nö, ich brauche nur Sonnenscheinen und ein Lächeln in meinem Herzen.


Hab eine schöne Woche und ein schönes Wochenende
Azulea

Und da ist Kapitel 2.
Hui, warum habe ich eigentlich mit diesem Kapitel begonnen? War eine spontane Eingebung - ich wollte es eigentlich gar nicht so wild durcheinander wie beim Roman "Räuberhände" oder "WE ARE CAMERA/jasonmaterial" (beides lesenswert!!!!!) machen - szenisch Schreiben ist im Moment ohnehin nicht mein Ding, ich habe genug Melodramtik in Prosaform zu verteilen, deswegen wurde das einstige Bühnenstück "Signalgestört" (ehemals "In fremden Betten") auch zu einem netten Prosageschichten von mir umgeschrieben.
Die Blaupause zu dieser Geschichte stammt noch aus meiner Realschulzeit, dann 2010/2011/2012 habe ich noch etwas damals Aktuelles einfließen lassen und da war es schon grob so das, was ihr jetzt lesen könnt.
Es ist schon deeper Shit, wenn man merkt, dass Azu da jemanden ihr Herz ausschüttet und tiefe Einblicke in ihre Seele gibt. Jemanden, den sie vielleicht gar nicht kennt!? Vielleicht ist das ja jemand völlig anders oder dieses Mädel spielt anderweitig mit Azu?
Ih muss zugeben, dass mich die Personen, die ihre Identität im Internet allein halten, schon immer faziniert haben. Und heute noch immer faszinieren (Ja, genau, ich meine unter anderem dich, dich und besonders dich.) Es ist die Faszination der Feigheit, des Phantoms des Netzes, des Schlüpfens in eine ganz andere Rolle. Damals, vor den Zeiten von Skype und Whatsapp, hatte das Internet noch etwas Mystisches. Du schriebst mit einem Menschen irgendwo Nachrichten und wenn er dir kein Foto von sich zeigte, dann kannte man die Person gar nicht, teilte aber teils sein Innerstes und der Andere begann plötzlich im Chat, einem ganz therapiemäßig sein Herz auszuschütten. Dennoch wusste man nie: Ist das echt? Oder nur eine interessant erzählte Geschichte? Eine Rolle? Ein hystrionischer Nerd? Ich denke da an das Theaterstück bzw. den Film Hautnah, an die Szene mit dem Cybersex.
Trotz all dem selbstherrlichen Youtubemist und anderen assozialen Entwicklungen und viel Selbstgerechtigkeit, Hetze und Intoleranz in der heutigen Internetzeit finde ich weiterhin, dass das Internet eine ganz wundervolle Sache ist. Weil sie so viele schöne Geschichten erzählt. Und weil hinter jedem Tweet, hinter jeder Facebooknachricht letztendlich doch noch immer ein Mensch steckt.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

INSTAGRAM FEED

@aufgerouget