Snakkasten: Vegan ist ja so ungesund und eh nur eine Modeerscheinung?

Ach, welcher Veganer oder Vegetarier kennt das denn nicht? Eben mal wieder so ein "Vegane Ernährung ist soooooo ungesund"-Kommentar bekommen. Nicht der erste, nicht der letzte. All diese Sprüche hat man doch schon 1000 Mal gehört. Teils mit den dazu abgefahrensten Erklärungen, warum denn Fleisch gesünder sei. Tja, ich komme zwar vom Land und bin Öddelgeschwafel gewöhnt, war ich doch einst mit dem König der Öddel zusammen, aber warum sich da Leute im Internet Tag für Tag dazu berufen fühlen, sich Til Schweiger mäßig um Kopf und Kragen zu schreiben, ist und bleibt mir ein Rätsel. Ich meine, ich esse kein Fleisch, aber kann es trotzdem nett oder schön finden, wenn jemand anders sich etwas mit Fleisch zusammenkocht und es toll findet. Und wenn es dann noch Bio und nicht Discounterschweineghettofleisch ist, kann ich sagen: "Cool, du hast dir auch ethisch Gedanken gemacht, was du da an Fleisch isst." Aber ich renne nicht mit der Moralpeitsche durch Instagram oder Facebook und brülle: "Wenn du Fleisch auf dem Grill schmeißt, sollte man dich als nächstes grillen. Mal sehen, ob dir das schmeckt, wenn wir Buletten aus deinen Beinen machen!" (So letztes Jahr gelesen bei Facebook. Alles in Großbuchstaben, versteht sich.)

Aber um wieder zurück zu meinem Fall zu kommen bzw. zu meinem Faß, dass ich aufmache, wenn ich einen 1-Personen-Shitstorm hinterfrage:
Auf die Nachfrage, warum die Person der Meinung sei, nur so eine "Vegan ist doch eh nur eine Modeerscheinung (vllt. durch Atttila Hildmann)"-Antwort erhalten. "Nicht genug Nährstoffe und Mangelerscheinungen".

Tja. So eine Antwort ist auch manchmal schlechter als gar keine Antwort ... Mein BRC-Lehrer ausder Gymnasialzeit hätte wohl bei diesem gefährlichen Halbwissen ohne Kenntnis der Thematik so einen seiner "Wenn man keine Ahnung habe, einfach mal die Fresse halten."- oder "Gott, lass Hirn regnen"-Sprüche abgelassen. Persönlich dachte ich, es käme zumindest so typisch "Fleisch essen ist notwendig/natürlich/normal"-Bullshit-Bingo - aber fleischloses Leben als Modeerscheinung ist neu, das wurde mir tatsächlich noch nicht vorgeworfen, dass ich ein fleischloser Hipster sei, weil grad so fleischlos zu leben ein Trend sei.

Ihr müsst euch vorstellen: Es ist jetzt 2016 und ich lebe seit 2003 ohne Fleisch, also vegetarisch und bislang noch nicht tot umgefallen und mir wurde auch nicht vorgeworfen, ich sei Mainstream, weil ich auf Fleisch verzichte oder vegan lebe.

Ich bin irgendwie in einem moralischen Zwiespalt:
Einerseits möchte ich nicht militant meine Meinung vertreten, aber habe dennoch Lust, Aufklärung zu betreiben, da ich mich ja mit den Themen Tierethik und Tierversuche sehr viel im Studium auseinandergesetzt habe. Unsere heute Gesellschat finde ich seltsam. Sie ist zutiefst widersprüchlich, denn jeder ab Jugendlichenalter ist so schlau und weiß, dass Chicken Nuggets oder Steaks nicht auf Bäumen wachsen und wie Tiere gehalten werden müssen, damit Fleisch in großen Mengen für uns produziert werden kann. Aber es werden die Augen vor dieser Tatsache verschlossen, weil es schmeckt. Und Veganer werden vielleicht angefeindet in unserer Gesellschaft, weil sie bewusst Nein zu Fleisch sagen und somit diesen moralischen Widerspruch unser Gesellschaft sichtbar machen? Hat sich nicht jeder, der schon einmal Fleisch gegessen hat, gefragt, ob man wirklich Fleisch allein essen sollte, weil es gut schmeckt - obwohl dafür Millionen und Milliarden Tiere Jahr für Jahr einen Tod nach einem "ökonomisch" knapp bemessenen und meist nicht sonderlich tollen Leben finden?
Andererseits habe ich keine Lust auf ethische Diskussionen an einem Sonntag, an dem ich mit Angina im Bett liege. Ausgewogen und gesund kann man sich immer ernähren - mit Fleisch oder ohne. Egal, ob omnivor, vegan oder wie auch immer. Gesunde Ernährung ist keine Frage der Ethik. Es ist eine Frage der Informiertheit und des gesunden Menschenverstandes. Jede Lebensweise kann gesund oder ungesund sein. Auf das richtige Maß kommt es an. Ein wenig Wein kann sehr gesund sein, zu viel schädigt diverse Organe wie die Leber. Ich trinke trotzdem kein Bier oder Wein. Ich denke, damit komme ich auch gut klar. Aber ich finde: Jeder soll das essen und trinken, was er möchte - und genauso mit den Konsequenzen leben.
Aber auf so "Du musst das essen/du darfst nicht so essen"-Bullshit komm ich gar nicht klar. Ich schreibe auch anderen Menschen nicht vor, dass Rauchen ungesund ist oder dies oder das nicht gegessen werden dürfte. Muss doch jeder selber wissen. Wer irgendwann Cholesterin, Nierensteine, Fettleber oder Gallensteine hat, Darmkrebs oder Lungenkrebs, bedingt durch seine Ernährung, dann ist das so. Irgendwann sterben wir alle. Und nur, weil einige gesunder leben als andere Menschen, heißt das nicht, dass sie automatisch unsterblich sind oder die besseren Menschen.

Ich habe mich bewusst für vegane Ernährung entschieden. Aber das ist meine persönliche Entscheidung. Genauso, wie ich anderen nicht vorwerfen möchte, sie seien scheiße, weil sie nicht vegan leben, möchte ich nach all den Jahren auch nicht mehr hören, dass ich so nicht leben dürfte. Denn es war ja mein schlechtes Gewissen beim Verspeisen von Eiern. Und nicht das der Anderen.

Meine Devise lautet:
Jeder, wie er will.
Denn Intoleranz ist immer scheiße und der falsche Weg bei solchen Fragen. Und mit intoleranten Menschen möchte ich dann auch möglichst wenig zu tun haben. Ich möchte niemanden missionieren und genauso wenig möchte ich zurück zum Fleisch missioniert werden.

Meine Familie ist vielleicht etwas Besonderes: Ich komme aus einer Familie, wo ein großer Teil vegetarisch oder vegan lebt. Teils seit 1980, war da veggie/vegan schon in? Teils aus gesundheitlichen Gründen, denn so verschwand bei dieser Person das schwere Asthma und diverse Allergien. Andere essen viel Fleisch, andere in meiner Familie achten beim Fleischkonsum auf Bio und kaufen am Liebsten direkt auf dem Wochenmarkt vom Erzeuger statt abgepacktes Discounterfleisch.
Mir ist es ehrlich gesagt egal, wie du oder du oder wer auch immer sich wie ernährt. Das ist wie beim Glaube - du kannst nicht jemanden dafür kacke finden, weil er an Gott, Allah oder gar nichts glaubt. Aber weder ich kann grundsätzlich behaupten, dass allgemein nicht-vegane Ernährung ungesund sei. Und Omnivore genauso, dass vegane Ernährung ungesund sei. Das ist schlichtweg falsch. Nur eines ist für mich sicher: Es war sicher keine Modeerscheinung, wenn ich mich die Hälfte meines Lebens fleischlos ernähre.

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